Aktuelle Themen
 
Schatten und Chancen des Alters
Altersheime im Wandel der Zeit
Die Ethischen Herausforderungen des Dienstes an den Alten
 

Wirken in der Gesellschaft

Das Nothburgaheim versteht sich als Impulsgeberin im Bereich der Altenarbeit. Dazu ist es notwendig, die eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen und weiter zu entwickeln und die eigenen Erfahrungen im Aus- und Weiterbildungsbereich, sowie als Beratungseinrichtung einzubringen. Dazu ist es wichtig, das Haus zu öffnen für BesucherInnen und Gruppen. Dazu ist es wichtig, mit den unmittelbaren und geistigen Nachbarn, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, teilzunehmen an öffentlichen Diskussionen, in politischen Arbeitsgruppen u.ä.

Unsere Vision, die wir dabei vor Augen haben, ist eine Gesellschaft, in der Altern Sinn macht, alten Menschen mit Respekt und Würde begegnet wird, sie in ihren Schwächen unterstützt werden und ihr Lebensreichtum als solcher anerkannt wird. Eine Gesellschaft, die den letzten Lebensabschnitt und das Sterben nicht abschiebt, sondern bewusst leben lassen kann, in aller Würde, mit allem Leid und mit aller Freude.

Als Mitglied der Plattform gegen Gewalt in der Familie ist es uns ein Anliegen, diesen tabuisierten Bereich anzusprechen und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, ein Umfeld der Unterstützung und Wertschätzung für unsere BewohnerInnen, deren Angehörige und unsere MitarbeiterInnen zu schaffen, das gewaltvermeidend wirkt. Auch für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, bieten wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Beratung und Unterstützung.

Schatten und Chancen des Alters
Altbischof Dr. Reinhold Stecher

Wenn ich an das Nothburgaheim und die vielen anderen Senioren- und Pflegeheime unseres Landes denke, die ich im Bereich der Diözese Innsbruck erlebt habe, und an die Tausenden von alten oder kranken Menschen in den Stadtwohnungen und den Bergbauernhöfen, die ich im Laufe meiner Tätigkeit besuchen durfte (Sie lesen recht „durfte” – denn es war ein Geschenk), dann denke ich mit großer Dankbarkeit an alle Menschen, die sich der Alten annehmen. Da ich jetzt selbst dem Achtzigsten zusteuere, tue ich es mit immer mehr einfühlender Erinnerung.
Es ist ja so, dass das Altwerden immer auch Schatten wirft, kürzere oder längere. Da gibt es die Schatten der körperlichen Defizite, die schon der Dichter des Buches Kohelet vor 2200 Jahren im Alten Testament eindrucksvoll beschrieben hat:
„Es nahen sich die bösen Tage und Jahre, von denen du sagen wirst: Sie gefallen mir nicht: Wenn die Wächter des Hauses zittern (die Hände) und die starken Männer sich krümmen (die Beine), wenn die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind (die Zähne), und wenn es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken (die Augen) und das Tor zur Straße geschlossen wird und das Geräusch der Mühle verstummt (das Gehör), steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Liedes verklingen (schlechter, kurzer Schlaf). Selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor dem Schrecken am Weg (alles wird anstrengend und man wird ängstlich) – der Mandelbaum blüht – doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus ...”
Er hat recht resignierend vom Altwerden gesprochen, der Prediger im Buche Kohelet. Und unwillkürlich kommt uns zum Bewusstsein, dass der medizinische Fortschritt unserer Zeit in unserern Breitengraden doch eine Reihe dieser Defizite erträglicher gemacht hat. Ich erinnere mich dankbar an meine künstliche Hüfte, an die hervorragend gelungene Staroperation und die so wohltuende Möglichkeit zu schwimmen, wie auch an die ausgezeichnet verpasste Zahnprothese – und andere können sich in meinem Alter über einen funktionierenden Hörapparat, den Herzschrittmacher, ein mildes Schlafmittel oder die weit fortgeschrittene Schmerzbekämpfung freuen. Wie gesagt, der Fortschritt hat schon einige Schatten des Altwerdens verkürzt und die Lebenserwartung selbst hinaufgeschoben. Aber so manche Schatten bleiben – das Gedächtnis lässt im Stich, der Aktionsradius wird kleiner, der Bekanntenkreis schwindet, manchmal lugt die Vereinsamung beim Fenster herein und hie und da ihre schlimmere Schwester, die Verbitterung.
Und weil die Zahl der Menschen in den hohen Jahren steigt, werden Institutionen wie das Nothburgaheim in der Gesellschaft immer gewichtiger. Und es darf nicht nur bei der Betreuung oder Versorgung bleiben, es muss das Leben in freundliche Räume einziehen, die Ermutigung zur Aktivität, zum Geselligen, zum Schöpferischen und Musischen. (Da muss ich dem Nothburgaheim keine Predigt halten, weil ich das alles dort erlebt habe).
Das Altern hat nämlich nicht nur Schatten, sondern auch Chancen. Heuer habe ich von meinem Balkon aus, von dem ich von Brixlegg bis zu den Bergen Telfs sehe, viele wunderbare Herbstabende erlebt. Und der Herbstabend demonstriert mir immer die Chancen des Alters. Er hat viel mildere Farbtöne als ein Sommertag. Die Bergketten tauchen in Violett-, Lila- und Rosatöne. Und damit symbolisieren sie die Möglichkeit, im Herbst des Lebens eine größere Milde, ein geduldigeres Verstehen zu gewinnen. Man weiß um die eigene Fragwürdigkeit und das eigene Versagen (selig, wer das nicht verdrängt) und schöpft daraus die Tugend, vorsichtiger und zurückhaltender zu urteilen, vielleicht etwas gerechter zu werden. Manche harten Konturen des Lebens werden sozusagen zu Pastellfarben gemildert. Und der Herbstabend hat eine faszinierende Klarheit. Nie reicht der Blick ungehemmter zu den Horizonten, wo der Himmel die Erde berührt.
Und damit ist angedeutet, dass Altwerden eine religiöse Chance darstellt. Das sagt uns auch die Erfahrung des Alltags. Im Alter wird ein Wort des Buches Jesaja (46,4) aus dem AT aktuell. Es heißt: „Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet. Bis ihr grau werdet, will ich euch tragen ...”
Und so gehört zum Leben des alten Menschen, zum Dienst an seinem inneren Frieden und zum Finden seiner Identität – bei aller Wahrung der Diskretion und des Respekts vor den verschiedenen Einstellungen, auch das Nahebringen des „tröstlichen Geheimnisses”, das in der Begegnung des Erlösers mit dem greisen Simon aufleuchtet: „Nun lässt du, Herr in Frieden deinen Diener scheiden."
Wenn ich jetzt am Neubau des Nothburgaheimes im Kapuzinergarten vorbeigehe, habe ich also viele geheime Segenswünsche im Herzen – und einen Dank für alle, die sich um ein solches Werk bemühen.

Altersheime im Wandel der Zeit
Dr. Margit Scholta

Die Alten- und Pflegeheime befinden sich seit einiger Zeit in einem erheblichen Strukturveränderungsprozess. Vor rund 100 Jahren wurden sie als Asyle und Armenhäuser für jene Menschen einer Gemeinde gebaut, die keine Angehörigen und keine finanzielle Altersversorgung hatten, die durch das soziale Netz fielen. Aus diesen eher familienähnlich organisierten Armenhäusern entwickelten sich dann Ende des 19. Jh. die großen Pflegeheime und psychiatrischen Anstalten. Diese Anstalten wurden als riesige architektonische Bauwerke weitab von den Stadtzentren gebaut. Es galt, mit wenig Mitteln möglichst viele Menschen zu versorgen, die Prinzipien der Wirtschaftlichkeit standen absolut im Vordergrund. Beispielsweise hatte das ehemalige Pflegeheim Lainz in Wien über 3000 BewohnerInnen.
In den 60er Jahren ging man von einem neuen Konzept aus: Die Alten- und Pflegeheime wurden zusehends nach dem Vorbild von Krankenhäusern gebaut, waren sehr durchgeplant, sehr hygienisch, mit allen technischen und pflegerischen Einrichtungen ausgestattet, allerdings immer noch mit Mehrbettzimmern.
Der Blickwinkel konzentrierte sich hauptsächlich auf die fachliche Pflege. Angebote, die über eine reine Funktionspflege hinausgingen, waren in der Konzeption nicht vorgesehen. Zwar waren diese Heime modern und schön ausgestattet, aber die Angst und Abwehr älterer Menschen vor den Altenheimen wurde deshalb nicht geringer. Diese Abwehr wird solange bleiben, bis Altenheime nicht ganz konkrete Voraussetzungen erfüllen: Sie müssen überschaubar, gemeinde- und zentrumsnah sein. Alte Menschen müssen auch im hohen Alter die Möglichkeit haben, in ihrem Wohnort leben zu können. Die Entwicklung muss weg von einer reinen Funktionspflege hin zu entsprechenden Strukturen, die den Tagesablauf so gestalten, wie es einem Leben in einem privatem Haushalt entspricht. In der Altenpflege spricht man in diesem Zusammenhang vom Normalitätsprinzip. Dieses Prinzip besagt, dass die innere Struktur und die Organsation eines Heimes sich an einem ganz normalen Alltag orientieren soll. Eng damit verknüpft ist das Individualitätsprinzip. Individualitätsprinzip bedeutet, dass alte Menschen Einfluss auf ihren Alltag nehmen und diesen Alltag individuell gestalten können und dass die Heime auf die individuellen Wünsche und Vorlieben alter Menschen Rücksicht nehmen. Natürlich lässt sich das nicht zu 100% verwirklichen, aber das sollte zumindest das Ziel sein.
Das kann nur gelingen, wenn die Alten- und Pflegeheime neu konzipiert werden. Einer der größten Mythen in der Altenpflege ist die Annahme: je größer die Häuser, desto kostengünstiger. In der Zwischenzeit gibt es betriebswirtschaftliche Berechnungen, die nachweisen, dass dies absolut nicht stimmt. Der Kipppunkt liegt bei ungefähr 120 Heimplätzen, dann wird es auf jeden Fall wieder teurer. Nach Meinung der meisten Betriebswirte, sind Heime von 60 bis 80 Betten durchaus wirtschaftlich vertretbar.
Normalitäts- und Individualitätsprinzip lassen sich dann umsetzen, wenn man die innere Struktur der Heime verändert. Dort wo es baulich einigermaßen möglich ist, teilen wir in BewohnerInnengemeinschaften auf. Im Ausschreibungsverfahren für neue Häuser wird schon im Raumprogramm gefordert, dass das Haus innen so eingeteilt werden muss, dass es rund um einen zentralen Aufenthaltsbereich immer zwei BewohnerInnengruppen zwischen 15 und 20 Personen gibt, das heißt, dass selbst bei größeren Heimen mit bis zu 120 Plätzen noch einmal differenziert und kleiner strukturiert wird.
Ein anderes Konzept wurde in Ludwigsburg entwickelt, es nennt sich das Kleeblatt-Modell. Der Landkreis Ludwigsburg benötigte ein Altenheim mit 240 Plätzen. Allerdings planten die Ludwigsburger nicht nur ein Heim, sondern bauten zehn Altenheime mit je 24 Plätzen in den verschiedenen Gemeinden ihres Landkreises. Für alle Häuser gibt es eine gemeinsame Heimleitung, eine Pflegedienstleitung, sie werden gemeinsam verwaltet, der Einkauf wird gemeinsam organisiert und zusätzlich wird „Betreutes Wohnen” angeboten. Betriebswirtschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass dieses Konzept nicht teurer kommt, die Lebensqualität der alten Menschen aber ungleich höher ist.
In der Altenpflege und Betreuung macht sich seit einiger Zeit ein sozialpolitischer Paradigmenwechsel bemerkbar. Heute lautet die Devise, dass alte Menschen so lange wie möglich zu Hause leben sollen, unterstützt durch mobile Dienste. Erst wenn es nicht mehr anders geht, sollen alte Menschen ins Heim übersiedeln. Das verändert natürlich den Heimcharakter, da sich die Heime zusehends zu einem Gemeinschaftshaushalt mit sehr hilfebedürftigen Menschen entwickeln. Hinzu kommt, dass mit dem hohen Alter sehr viele verwirrten oder desorientierten Personen in den Heimen leben. Für diese Menschen sind ganz andere Betreuungskonzepte notwendig. Hier werden derzeit zwei unterschiedliche Modelle diskutiert.
Da wäre zum einen das integrative Konzept zu nennen, das davon ausgeht, dass HeimbewohnerInnen ein Zimmer beziehen und dort wohnen bis sie versterben, unabhängig davon in welcher Befindlichkeit sie ins Heim übersiedeln und wie sie sich verändern. Alle sollen in ihrem gewohnten Umfeld betreut werden, die zunehmend desorientiert werdenden Menschen werden nicht abgesondert, sondern können sich frei bewegen. Allerdings kommt es immer wieder zu erheblichen Konflikten, weil alte Menschen es nur schwer aushalten, wenn da auf einmal jemand ist, mit dem man nicht mehr diskutieren kann, der keinen Argumenten zugänglich ist, der alles anfasst, der Grenzen nicht respektiert. Ein Kompromiss sind da tagesstrukturierende Maßnahmen. Es werden Bereiche geschaffen, in denen die verwirrten Menschen tagsüber betreut werden können.
Ein völlig anderes Konzept ist der Bau eigener Häuser, die nur für diagnostizierte demente Menschen offen sind. Das hat den Vorteil, dass die Personen, die dort wohnen, wirklich nach ihren Bedürfnissen leben können. Wenn jemand sich nicht anziehen will, dann zieht er sich nicht an. Das macht in einer geschützten Wohneinheit wenig Probleme, weil sich keiner daran stört. Die Atmosphäre ist eine andere, der Medikamentenkonsum reduziert sich erheblich. Aber auch dieses homogene Konzept hat Grenzen.
In Deutschland wird derzeit in der Arbeit mit desorientierten und verwirrten Menschen das Konzept der Wohngemeinschaften sehr forciert. Es werden Villen angemietet, in der in jeder Wohnung fünf oder sechs Zimmer sind, in denen die jeweiligen Personen wohnen. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, es gibt eine Küche. Dort wird ein gemeinsamer Haushalt geführt, es wird gemeinsam eingekauft und gekocht. Natürlich gibt es eine Betreuungskraft und wenn Pflege notwendig ist, werden, ebenso wie in einem privaten Haushalt, mobile Dienste in Anspruch genommen.
Ähnlich wie es ein Umdenken bezüglich Größe und Struktur von Heimen gibt, hat sich auch die Ausbildung in der Altenfachbetreuung gewandelt. Ein alter Mensch wird nicht mehr als exotisches Mängelwesen betrachtet, sondern als erwachsener Mensch, der schon lange lebt, sich als Erwachsener fühlt und als solcher behandelt werden will. Er steht in einer anderen Lebenssituation, sein Körper, sein Geist, aber auch seine sozialen Beziehungen haben sich verändert und es wird schwieriger den Alltag zu organisieren. Aber dafür gibt es Einrichtungen und Personengruppen die alte Menschen unterstützen.
Hier wird die Ausbildung bedeutsam. Es ist natürlich wichtig über Betreuungs- und Pflegekonzepte Bescheid zu wissen, psychologische Kenntnisse zu haben. Heimleitungen sollten darüber hinaus über die notwendigen wirtschaftlichen Grundlagen Bescheid wissen, Kenntnisse über MitarbeiterInnenführung mitbringen. Was mir aber wichtiger ist, dass in der Ausbildung vermittelt wird, was das spezifisch Besondere an der Lebenssituation alter Menschen ist, was das spezifisch Besondere ihrer Bedürfnisse ausmacht. Ziel einer guten Ausbildung muss sein, zu vermitteln, dass die alten Menschen die ExpertInnen ihrer Lebenssituation sind, dass die MitarbeiterInnen alte Menschen in ihrem Tun unterstützen, sie aber nicht in eine Abhängigkeit drängen.
Ein Schwerpunkt der Ausbildung muss dem Umgang mit verwirrten und desorientierten Personen gelten. Hier muss selbstverständlich sein, dass Konzepte wie die validierende Pflege, das Böhm`sche Konzept, also pflegen „mit den Händen in der Hosentasche”, oder die erlebnisorientierte Pflege Eingang finden in die Ausbildung.
Aber wir schulen nicht nur die MitarbeiterInnen in der Pflege, sondern auch die in der Küche, in der Wäscherei, die Reinigungskräfte, die Sekretärinnen, einfach alle, die in diesem Bereich arbeiten, um sie für ihre Aufgaben fit zu machen.
Ausbildung ist ganz wichtig. Eine gute Ausbildung hilft auch die vielfältigen Formen von Gewalt gegen alte Menschen zu verringern. Gewalt gegen alte Menschen ist ja eines der Tabu-Themen unserer Gesellschaft. Gewalt kommt in vielen Facetten vor, hat aber grundsätzlich zwei Gesichter. Gewalt kann sowohl ein „Tun” sein wie auch ein „Unterlassen”. Tun reicht von körperlichen Attacken bis hin zur aktiven Unterbindung von sozialen Kontakten, aber auch die Rationierung von Zigaretten oder das Verbot, Alkohol zu konsumieren, kann Ausdruck von Gewalt sein. Hier spielt auch die öffentliche Meinung eine Rolle. Alten Menschen werden ab einem gewissen Alter viele Bedürfnisse abgesprochen, gerade auch was Beziehungen anbelangt, Sexualität und Erotik.
Betrachtet man Gewalt unter dem Aspekt der Unterlassung, so kann das von Überhören von Wünschen und Bedürfnissen bis hin zu unterlassener Pflegeleistung reichen. Oder alte Menschen werden laufend vertröstet, auf ihr Klingelzeichen wird nicht reagiert, man spricht sie mit „Du” an.
Dann gibt es die Gewaltanwendungen auf der Körperebene: alte Menschen ein wenig fester halten, sie energisch niedersetzen, sie mit besonders lauter Stimme ansprechen, mit Medikamenten sedieren, sie gegen ihren Willen in einem Raum festhalten, damit sie nicht herumgehen können.
Hier stellt sich die Frage nach den Ursachen, nach den Auslösern von Gewalt. Oft handelt es sich um Überforderung und Hilflosigkeit auf Grund von zu wenig Wissen. Gewalt im Heim ist oft auch strukturell angelegt. Sei es aufgrund der Personalenge oder aufgrund von Dienstplänen, die keine Möglichkeiten einer sinnvollen Erholung mehr zulassen, sei es aufgrund der Größe und Unüberschaubarkeit einzelner Einrichtungen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Angst vor den Angehörigen, die zum Teil sehr massiv Dinge einfordern, die unmöglich zu erbringen sind.
Es gibt sehr viele Facetten dieses Gewaltthemas. Im häuslichen Bereich erlebe ich immer wieder Gewalthandlungen aufgrund unbewältigter Familiengeschichten, die sich dann in der Pflegebeziehung massiv bemerkbar machen. Dort, wo Menschen voneinander abhängig sind, trifft man auf viel Überforderung und Hilflosigkeit. Die Umgebung reagiert mit Unverständnis, oft führen auch finanzielle und räumliche Enge und Abhängigkeit zu Gewaltanwendungen.
Auch wenn hier jetzt viel von Kritik und Problemen die Rede war, ist mir doch wichtig festzuhalten: Tatsächlich ist es oft so, dass alte Menschen nicht freiwillig in ein Heim gehen – da muss man ehrlich genug sein. Aber es ist meist die zweitbeste Lösung und deshalb ebenso eine gute Lösung. Ich denke, die MitarbeiterInnen in den Heimen müssen sich nicht dauernd dafür entschuldigen, dass es sie gibt. Wir sollten froh sein, dass sie da sind. Und die Öffentlichkeit möchte ich bitten, sich anzuschauen, was Tolles geleistet wird und nicht immer nur auf die Skandale verweisen, die alles andere, was an Arbeit getan wird, zum Verschwinden bringen. Das ist mir sehr wichtig.

Dr. Margit Scholta,
Direktorin der Altenbetreuungsschule des Landes Oberösterreich
und Vorsitzende von Pro Senectute Österreich
Die ethische Herausforderung des Dienstes an den Alten

Der Umgang mit älteren Menschen, die Situation in der Pflege, die besondere Betreuung und Begleitung von Menschen, die altersbedingt mit Einschränkungen leben, stellt an alle Betroffenen hohe Anforderungen und eine besondere ethische Herausforderung.
Für jene, die beruflich mit Pflege zu tun haben, besteht eine Schwierigkeit, die es in vielen Sozialberufen gibt: Man muss professionell etwas tun, das andere Menschen als Teil ihres normalen Alltags- und Familienlebens auch tun müssen. Zweifellos – man tut es auf der Basis einer besonderen Ausbildung. Dennoch kann es zur Last werden, dass Angehörige, PatientInnen oder KlientInnen vieles als selbstverständlich erwarten, und womöglich daran Anstoß nehmen, dass es gegen Geld, mit geregelter Arbeitszeit getan werden muss.
Alle in der Pflege Tätigen kennen die Probleme mit Überstunden, langen Nachtdiensten, Wochenenddiensten. Wir müssen mit dem schweigenden Vorwurf fertigwerden, Dienste des menschlichen Miteinander gegen Bezahlung zu verrichten.
Der Theologe Karl Rahner hat diese Professionalisierung kritisch als „institutionalisierte Nächstenliebe” bezeichnet. In diesem Wort steckt die Spannung, aber gleichzeitig auch die Notwendigkeit des Pflegeberufes. Wer schon einmal einen Brief geschrieben hat, sollte sich ebenso wenig moralisch über eine Sekretärin erheben, die professionell Briefe schreiben muss. Es ist selbstverständlich, dass an der Grenze der mitmenschlichen, familiären oder freundschaftlichen Hilfe die berufliche, professionelle Dienstleistung stehen muss. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass diese „nur noch beruflich”, ohne Geist und Seele verrichtet wird. Diese Gefahr besteht aber auch in der familiären Pflege.
Aus der Sicht der Pflegerin, des Pflegers müssen wir eine ganz andere moralische Frage erheben: Welche Auswirkungen hat mein Arbeiten, Tun und Handeln? Welche Auswirkungen hat mein Nicht-Handeln auf das gesamte System? Wie viel Zuwendung, Zeit, Aufmerksamkeit kann ich einem Bewohner unseres Hauses geben, und wann muss ich mich einer anderen zuwenden?
Wer Dienstpläne ausarbeitet, ein Heim leitet, einer Abteilung vorsteht, muss dieses Problem menschlicher Zuwendung und Abgrenzung in potenzierter Weise bearbeiten. Es geht darum, eine gesunde „Ökonomie des Hauses” zu schaffen. Ökonomie bedeutet im Wortsinn des griechischen „oikonomia” nicht eine tote Zahlen-Ökonomie, sondern eine gesunde Ordnung, mit der alle Betroffenen „einigermaßen” gerecht leben können.
In jedem Pflegebetrieb gibt es KlientInnen, BewohnerInnen, die mehr Zeit beanspruchen, das Gespräch intensiv suchen. Das Pflegepersonal muss auf die unterschiedlichsten Wünsche und Bedürfnisse eingehen und steht jeden Tag vor der Schwierigkeit, dass eigentlich alles, was man tut, zu wenig ist. Gerade jene unserer BewohnerInnen, die uns oft sehr lange und intensiv beanspruchen, dürfen uns nicht davon abhalten, an die anderen ebenso zu denken. Die Zuwendung zu dem einen der mich braucht, muss in ein gerechtes Verhältnis gebracht werden zu jener Zuwendung, die ich für eine andere aufbringe.
Besonders in einem großen Pflegebetrieb muss man an eine Regel denken: Menschen dürfen niemals zu Objekten oder Nummern gemacht werden. Der Bürokratismus aller großen Institutionen kann leicht zu einer Situation führen, in der alle immer im Stress sind. Der Pfleger, die Pflegerin kann sich dann immer sagen „ich habe alles getan”, und doch ist er dem Menschen, mit dem er zu tun hat, nicht gerecht geworden. Alte und behinderte Menschen haben ein besonderes Gespür dafür, ob sie ernst genommen und als Personen geachtet werden, auch wenn sie es nicht immer ausdrücken.
Die christliche Ethik kennt diese Spannung. Das Neue Testament spricht ausdrücklich davon (1 Kor 13,3, sinngemäß): Und wenn ich alles für den anderen gäbe, mich gleichsam aufopferte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre es alles nichts wert. Der Originaltext drückt es ein wenig anders aus, meint aber dasselbe: man kann formell, sachlich, objektiv alles Gute der Welt tun und dennoch nicht bei der Sache, ohne Liebe und echte Zuwendung, ohne Mitgefühl für den anderen sein. Das Tote in solchen Beziehungen besteht oft darin, dass der „Wohltäter” sich gar nicht bewusst ist, was er verabsäumt. Er rechtfertigt sich selbst, doch ohnehin alles getan zu haben. Und es ist schwer, etwas anderes zu behaupten, rein sachlich hat er recht. Und dennoch fehlt nicht nur eine Kleinigkeit, sondern das Wesentliche.
Was dieses Wesentliche ist, das kann die beste Berufsausbildung nicht ersetzen, obwohl eine hohe fachliche Ausbildung heute wichtiger denn je ist und unbedingt für die Pflegeberufe gefordert werden muss. Der Akzent liegt hier auf einer anderen Sache, die man nur ethisch ausdrücken kann. Auch der bestqualifizierte Absolvent einer Pflegeschule kann ein Manko aufweisen. Es handelt sich um die Zuwendung zum anderen, besonders zum leidenden Menschen, der davon geplagt ist, sich als nicht mehr schön, kräftig, gesund wahrzunehmen. Ihm fehlen doch alle Vorzüge, die uns die mediale Welt als entscheidend vorgaukelt. Inwiefern hat doch und gerade dieser Mensch einen besonderen Wert, ist gerade er/sie als Person angenommen und wird von uns ernstgenommen?
Der Theologe Johann Baptist Metz hat das einmal in Beziehung auf Jesus Christus so ausgedrückt: Jesu Blick nimmt den Leidenden wahr. Egal, ob wir diese Problematik mit religiösen oder säkularen Augen betrachten, wir kommen in der Pflege um diesen ethischen Anspruch nicht herum. Alt, krank oder behindert zu sein oder zu werden bedingt diese tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst, und die Bewältigung des Alt- oder Behindert-Seins gelingt umso besser, je mehr wir mit Menschen konfrontiert sind, die uns diese Würde bewusst zugestehen.
In intensiver Weise kommt das im Sterbeprozess zum Ausdruck. Die landläufige Euthanasiediskussion ist von einem Fehlen dieser Einfühlung geprägt. Es wird stellvertretend für viele kranke Menschen behauptet, dass diese keinen Lebenswillen mehr haben, obwohl dieser fehlende Wille oft das Ergebnis von zuwenig Zuwendung ist. Anders ausgedrückt: Zuerst lassen wir die Menschen mit ihrem Leiden allein, dann sagen wir, sie wollen ja selbst nicht mehr weiterleben.
Diese Selbstgerechtigkeit wird leicht enttarnt, wenn man hinzufügt, dass fast 100% jener Patienten, die tatsächlich einen Sterbewunsch ausdrücken, auch aussagen, dass sie an Einsamkeit leiden. Umgekehrt gibt es in Skandinavien und den USA Befragungsergebnisse, die zeigen, dass Menschen zwar irgendwann einmal auch für sich einen Sterbewunsch aussprechen, wenn sie jedoch in einer späteren ernsten Krankheit darauf angesprochen werden, sich häufig davon distanzieren, ja sogar, sich an ihre Aussage gar nicht mehr erinnern wollen oder können. Wir können daraus jedenfalls lernen, dass es oft mehr die Projektion der anderen, als der wirkliche Wunsch der Leidenden oder ihrer nächsten Freunde und Angehörigen ist, der zu einem absichtsvoll herbeigeführten Tod rät.
Euthanasie heißt wörtlich: „gut sterben”. Der Begriff ist jedoch als vorschnelle und gewaltsame Tötung (z.B. in der NS-Zeit) als das Gegenteil davon belastet.
Euthanasie im eigentlichen Sinn des Wortes bedeutet das liebevolle Begleiten eines Menschen in seiner letzten Lebensphase. Die Kernaufgabe ist dabei nicht der Todeszeitpunkt, sondern die Tatsache der Zuwendung: es soll niemand in dieser Phase seines Lebens alleingelassen werden.

DDr. Severin Renoldner, Sozialethiker
Leiter des Sozialreferates der Diözese Linz